Unsere Wahl

Wahlsonntage sind ja tagsüber eher langweilig. Politisch passiert nichts mehr, es gibt höchstens irgendwann die Zwischenmeldung der Wahlbeteiligung und sonst geht man irgendwann seine Stimme abgeben und wartet bis 18 Uhr.

Ich war allerdings gestern mittendrin und zumindest den halben Tag gut beschäftigt. Nachdem ich 2014 das erste mal bei der Kommunal- und Europawahl als Beisitzer berufen worden war, hatte ich schon länger vor mich wieder freiwillig zu melden.

Ja, es war ein langer Tag, angefangen mit dem ersten Treffen am Wahllokal um 7:30. Es war schon alles aufgebaut, so dass wir uns nur kurz besprochen haben und auf zwei Schichten aufgeteilt haben. Ich habe dann um 13 Uhr die Nachmittagsschicht übernommen und konnte also zu Hause noch ein paar Tassen Kaffee genießen um wirklich wach zu werden (7:30 ist wirklich nicht meine Zeit). Gegen 20:30 bin ich nach Hause gekommen, müde und hungrig, vom Ergebnis nicht überrascht aber ein wenig … ratlos? Besorgt? Es mag an der Erkältung liegen, oder daran dass ich den Tag heute krank auf dem Sofa verbracht habe, auf Phoenix Wahlberichte und Pressekonferenzen schauend, aber ich fühle mich heute fast ein bisschen Wahl-verkatert. (Werden TV-Journalisten eigentlich immer unfähiger und nerviger?)

Ich bin nach wie vor sehr froh, mich dieses Mal freiwillig gemeldet zu haben. Ganz klar war ich besser gelaunt, als meine Mitstreiterhelfer, die zum Teil zum fünften oder sechsten Mal berufen worden waren und (verständlicherweise) keine große Lust mehr hatten. Dass das nicht besser verteilt wird, ist meiner Ansicht nach auch nicht ganz okay. Die Stimmung war dann am Nachmittag und später beim Auszählen aber noch ganz okay, das Jammern nahm nach und nach dann doch ab (auch nachdem ich irgendwann augenzwinkernd anmerkte, dass es mir auf die Nerven ging).

Ich habe also 5 Stunden lang im Wahllokal gesessen, Menschen begrüßt und entweder im Wählerverzeichnis abgehakt oder Wahlscheine ausgegeben. Ich streiche ja am liebsten im Verzeichnis ab, was meine Mitstreiter glaube ich auch ganz gerne größtenteils mir überlassen haben.

Man nimmt eine Wahl ganz anders wahr, wenn man da sitzt, als wenn man nur kurz kommt und seine Stimme als Wähler abgibt und abends das Ergebnis von Jörg Schönenborn in bunten Balken präsentiert bekommt. Die Zahlen kommen ja nicht von Zauberhand aus den Urnen auf die Bildschirme. Im Wahllokal sieht man also seine Nachbarschaft kommen und gehen, in meinem Fall wirklich eine bunte Mischung was Generationen und … ich nenne es mal „Herkünfte“ und meine damit soziale wie migratorische. Man sieht ganze Familien zusammen kommen, junge und ältere Ehepaare mit großen und kleinen Kindern, Großeltern mit Enkeln, Freunde und natürlich auch Einzelne. Und alle sind sie gleich, alle haben sie zwei Stimmen, alle habe ich freundlich lächelnd begrüßt und verabschiedet (nein, wahrscheinlich nicht alle, während eines Ansturms habe ich sicher nicht mehr alle „erwischt“). Ich kenne ja das Ergebnis, ich habe höchstwahrscheinlich auch Wahlscheine an AfD-Wähler ausgegeben, es gab drei NPD Stimmen, aber natürlich weiß ich nicht wer es war. Ich habe nur „ganz normale“ Menschen gesehen gestern. Man sieht es ihnen nicht an der Nase an … vielleicht finde ich das heute beim Nachdenken über die Wahlergebnisse auch etwas gruselig, aber eigentlich wollte ich betonen, wir waren alle gleich gestern.

Ich bin ein politischer Mensch, ich habe eine politische Meinung, und manchmal denke ich, ich würde mich gerne irgendwie, irgendwo mehr einsetzen, für Dinge die ich wichtig finde, aber ich bin keine Politikerin und werde es auch nicht. Aber um all das ging es nicht gestern. Gestern ging es mir im Wahllokal nur darum etwas beizutragen zu unserer Demokratie und für die Wähler die kamen das Wählen mit einem Lächeln zu begleiten. Dazu gehörte auch ein paar Süßigkeiten an Kinder weiterzuverteilen, Babys anzulächeln, mir die Spielzeugpferde einer süßen kleinen Wählerin in Spe vorführen zu lassen und mit älteren Damen zu scherzen (zugegeben konnten das meine extrovertierten Mitstreiter besser als ich, aber ich habe mich bemüht =D ).

Ein paar Highlights: die schüchterne Erstwählerin, die den Anschein machte noch nie zuvor in einem Wahllokal gewesen zu sein; die nette Frau, die uns eine handvoll Lindtpralinen mitbrachte (wenn Sie das zufällig lesen sollten – Danke!); der sicher schon 40-jährige Sohn, der zum ersten Mal wählen kam; die jüngere Wählerin die (als Einzige) „danke, dass ihr das hier macht“ sagte. Viele Menschen haben Danke gesagt und ich bin mir nicht sicher, ob sie uns für das Wahlhelfen dankten, oder ob das mehr so eine Floskel war. Ich habe es mir jedenfalls vorgenommen in Zukunft auch zu sagen. Viele haben auch eher mitleidig Dinge gesagt wie „bald habt ihr ja geschafft“ oder mit ironischem Ton „schönen Nachmittag noch“. Anerkennung und Dankbarkeit haben mich gefreut, mit Mitleid konnte ich persönlich nicht so viel anfangen. Unfreundlich war eigentlich niemand, Pannen hatten wir auch keine, alles lief reibungslos. Ein besonderes inneres Blumenpflücken waren mir am Ende des Tages dann Seiten im Wählerverzeichnis, auf denen jeder Wähler entweder einen Briefwahlvermerk hatte oder abgehakt war, naja eine davon habe ich zumindest gesehen.

Um fünf Minuten vor 6 begannen wir alle ungeduldig auf die Uhr zu schauen, und ich aufs Handy um vor dem Zählen wenigstens einen kurzen Blick auf die Prognose zu werfen. Der Moment, in dem die Wahlurne geöffnet wird, ist irgendwie schon etwas besonderes. Selbst unserer Wahlvorsteher murmelte ehrfürchtig „darf ich die jetzt wirklich öffnen?“ und das Bild, wie die Wahlscheine dann auf den großen Tisch gekippt wurden kannte ich früher auch nur aus dem Fernsehen. Dann habe ich viele, viele Kreuze gesehen: kleine, grüße, dünne und sehr ernste dicke. Gezählt haben wir dann innerhalb von etwa 2 Stunden, ohne Probleme, aber mit Erheiterung über ein paar ungültige Stimmzettel, auf die Kommentare („Es ist so flauschig!“) geschrieben worden waren oder gleich 6 Parteien angekreuzt waren. Auch ein paar Stimmaufteilungen sorgten für WTF-Momente (FDP-Linke; CDU-Linke; Linke-AfD, … ich glaube die einzige Kombination größerer Parteien, die ich nicht gesehen hab war Grüne-AfD, aber ich habe nicht jeden Zettel in der Hand gehabt). Dann gab es am Ende die Erleichterung, als unser Schriftführer verkündete „passt“ und wir unsere Ergebnisse übermitteln konnten. Während die anderen dann kurz fachsimpelten, wie sie in Zukunft das Berufen-werden verhindern könnten und die eine Dame sagte „auf jeden Fall nicht freiwillig melden“ fühlte ich mich dann doch nochmal wie das schon gestern erwähnte exotische Fabeltier, aber what ever. Ich bin wie gesagt froh, mich gemeldet zu haben und werde das sicher auch in Zukunft wieder tun. Es funktioniert eben nur, wenn Bürger ehrenamtlich helfen. Es ist auf eine ganz andere Art und Weise „unsere Wahl“, wenn man sich klar macht, dass sie nur funktioniert, also organisatorisch funktioniert vom Ausgeben bis hin zum Auszählen der Wahlscheine, weil ganz normale Bürger daran mitarbeiten. Und ja, der Missmut der anderen Wahlhelfer ärgert mich immer noch ein bisschen, aber ich verstehe das etwas besser. Ich verstehe, dass, wenn man Wahl für Wahl wieder berufen wird, sich irgendwann fragt ob nicht auch mal andere dran wären.

Abschließend dann also der Hinweis an alle die sich jetzt denken „ich könnte das eigentlich auch mal machen“. Ja, macht! Ich glaube, es sitzen in vielen Wahllokalen eben jedes Mal wieder die gleichen Leute da, die immer missmutiger werden, die vielleicht ganz gerne mal abgelöst werden würden. Man braucht auch keine besonderen Kenntnisse oder Fähigkeiten dafür. Man sollte vielleicht mindestens bis zehn zählen können. Ich persönlich finde es jedenfalls spannend hinter die Kulissen zu schauen und unsere Demokratie ist mir der Arbeitseinsatz von etwa 7 Stunden auch wirklich Wert.

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